Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Bose, Nr. 247

(Friedrich Nietzsche Samtliche Werke, Kritische Studienausgabe Bd.5 [Munchen 1980] S.190)

Wie wenig der deutsche Stil mit dem Klange und mit den Ohren zu thun hat, zeigt die Thatsache, dass gerade unsre guten Musiker schlecht schreiben. Der Deutsche liest nicht laut, nicht fur’s Ohr, sondern bloss mit den Augen: er hat seine Ohren dabei in’s Schubfach gelege. Der Antike Mensch las, wenn er las — es geschah selten genug — sich selbst etwas vor, und zwar mit lauter Stimme; man wunderte sich, wenn Jemand leise las und fragte sich insgeheim nach Grunden. Mit lauter Stimme: das will sagen, mit all den Schwellungen, Biegungen, Umschlagen des Tons und Wechseln des Tempo’s, an denen die Antike offentliche Welt ihre Freude hatte.

als alle Italiäner und Italiänerin zu singen verstanden
….

Solche Perioden, wie sie bei Demosthenes, bei Cicero vorkommen, zwei Mal schwellend und zwei Mal absinkend und Alles innerhalb Eines Athemzugs: das sind Genüsse für antike Menschen…

In Deutschland aber gab es (…) eingentlich nur Eine Gattung öffentlicher und ungefähr kunstmässiger Rede: das ist die von der Kanzel herab. […] Das Meisterstück der deutschen Prosa ist deshalb billigerweise das Meisterstück ihres grössten Predigers […] Gegen Luther’s Bibel gehalten ist fast alles Übrige nur « Litteratur »…

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